Ein Tag ohne G

Es war an einem Mittwoch.
(Bis hierhin hätte eigentlich gereicht, aber ich dachte, ich schreibe mal weiter.)

Ich saß in meinem Bett und ahnte bereits in der Frühe, dass etwas nicht stimmte. Es musste etwas sehr Bedeutendes sein, denn in mir machte sich diese Unruhe breit, so eine die man spürt, wenn man in seiner Tasche nach dem Portemonnaie wühlt und wühlt und wühlt…

Ich sah zu meinem Mann, doch der sabberte noch friedlich in sein Kissen, dann blickte ich zum Fenster, nur um sicherzustellen, dass auch die Sonne dort war, wo sie um diese Zeit zu sein hatte und somit beschloss ich, dass alles so war, wie es zu sein hatte. Ich lete mich also wieder – Moment! Ich lete mich also… wie auch immer. Ich kuschelte mich also wieder in mein Kissen und schlief kurz darauf ein. Im Traum erschien mir der Mittwoch und der behauptete, er käme ja schließlich auch ohne aus, und es wäre überhaupt nicht schlimm, sich von anderen zu unterscheiden.
»Ohne was? Und welche anderen?«, meinte ich.
Der Mittwoch lächelte milde und ich wachte auf.
»Guten Morgen, Schatz. Hast du gut geschlafen?«, wollte mein Mann wissen.
»Uten Moren,« antwortete ich und wunderte mich.
Er schmunzelte. »Uten Moren? Du bist wohl noch nicht richtig da, was?«
Doch, das war ich schon. Aber etwas Anderes fehlte.
Ich schlurfte in die Küche und schaltete den Kaffeeautomaten ein. Auf dem Kühlschrank stand unser Wochenkalender. Der Mittwoch war mit rotem Filzmarker dick umrandet. »Hm«, machte ich und zuckte mit den Schultern. Im Kühlschrank sah es recht übersichtlich aus und ich rief: »Die Milch ist alle!«
»Das ist korrekt!«, tönte es aus unserem Schlafzimmer.
»Was soll ich denn jetzt in meinen Kaffee machen?«
»Das weiß ich nicht!«
Hm. So war das. Aber wenn ich weiter laut auf meiner Milch bestand, würde sich vielleicht ein Nachbar erbarmen und mir welche … Nein. Das war unwahrscheinlich.  Also musste ich auf herkömmliche Methoden vertrauen. »Schahatz?«
»Jaha?«
»Würde es dir sehr viel ausmachen, bei Frau Lemmermeier zu klineln und nach einem Liter Milch zu fraen?«
Kurz war es still, dann hörte ich die nackten Füße meines Mannes durch den Flur tapsen. Als er in der Küche stand, fiel mir sein prüfender Blick auf.
»Was´n?«
Er sah mich immer noch so an.
»Na ut, ehe ich eben selber«, murrte ich und wollte an ihm vorbei, als er mich sanft am Arm hielt. »Geht‘s dir gut, Schatz?«
»Wieso? Natürlich ehts mir ut!« Und plötzlich fiel es mir selbst auf. »Oh, mein Ott!«, entfuhr es mir. Ich presste die Hand an meine Brust und ahnte: »Meinst du, es ist ein Schlaanfall?« Das war nun mal das erste, was mir einfiel, als ich mir meiner seltsamen Sprache bewusst wurde. Mein Mann schien eine ähnliche Idee zu haben. Kurz darauf, besuchte uns ein Notarzt, um nach ausführlicher Anamnese ebenfalls eine Idee zu haben.»Ich denke nicht, dass es ein Schlaganfall ist«, behauptete er. »Zur Sicherheit können wir Sie natürlich in ein Krankenhaus bringen. Doch ich glaube, das wird nicht notwendig sein. Ich habe da eine Vermutung.«
Mein Man lief nervös auf und ab, während der Doktor in aller Ruhe etwas auf seinem Klemmbrett notierte.
»Und? Was vermuten Sie?«
Der Arzt blickte mich wieder an und schien amüsiert. »Sprechen Sie mir bitte nach – Mir geht es ganz und gar gut, geradezu hervorragend.«
»Warum?«
»Tun Sie’s einfach.«
Ich schnaufte frustriert, tat aber, was er wollte. »Mir eht es anz und ar ut, eradezu hervorraend.«
Mein Mann blieb abrupt stehen, starrte mich an und rieb sich den Nacken. »Sehen Sie, Doktor? Es wird schlimmer!«
»Nein, nein«, meinte dieser und schmunzelte, »Ihrer Frau fehlt lediglich ein G.«
»Mir fehlt was?«
»Ihr fehlt was?«
»Ein G. «
»Sie haben doch nicht alle Tassen im Schrank?«
Er lachte. »Nein, Sie haben nicht alle Buchstaben im Alphabet.«
Kurz starrte ich ihn an und fand mich schließlich damit ab, dass einer von uns beiden heute noch die Klapse von innen sehen würde.
»Ist das gefährlich?«, wollte mein Mann wissen.
»Ich denke nicht«, antwortete der Doktor und einer seiner Mundwinkel zuckte kurz. Ich konnte sehen, wie er sich beherrschen musste, um nicht zu lachen. Na, toll – ich war entweder ein wandelnder Witz mit Konsonanten-Verlust oder dieser irre Arzt, brauchte einen Irrenarzt. Beides war nicht sehr erbaulich. Mein Blick fiel wieder auf das Kalenderblatt am Kühlschrank. Der rot-umrandete Mittwoch sollte mich sicher an etwas erinnern, aber ich kam partout nicht drauf, was das war. Der komische aber freundliche Arzt verabschiedete sich mit den Worten: »Das ist was Psychosomatisches. Sollte es morgen immer noch so sein, müssen Sie sich bei einem Neurologen oder einem Psychiater vorstellen.«

»Hm«, machte ich und hörte, wie die beiden Sanitäter beim Verlassen unseres Apartments kicherten. Ich schüttelte den Kopf und blickte wieder zum Mittwoch am Kühlschrank. Und in diesem Moment fiel mir wieder ein, an was ich mich dieser rote Filzstift darum erinnern sollte.
»Oh Ott! Ich muss Roßtante Udrun zum Eburtsta ratulieren!«
Just wollte ich zum Telefon eilen, um diesen stets oktroyierten Anruf zu absolvieren, als mein Mann einen durchaus zufriedenstellenden Einwand formulierte. »Schatz, das ist doch jetzt nicht so wichtig. In deinem Zustand solltest du ohnehin nicht telefonieren.«
Es war ja nicht so, dass ich meine Tante nicht mochte, aber würde sie mir auch noch diktieren, was ich ihr einmal im Jahr zu wünschen hätte, es käme wohl auf dasselbe hinaus. »Du hast recht«, sagte ich, »So kann ich diesen Anruf auf keinen Fall machen.«

Der kommende Tag war wieder ein Tag mit G.

(c) 2016 Joan Quade

2 Kommentare

  1. Es stellt sich die Frage, ob der Mittwoch nicht nur in sprachlicher Hinsicht Mangelerscheinungen aufweist, sondern auch einem erfüllten Liebesleben hinderlich ist… Das G ist wichtiger als man denkt und man sollte es zu schätzen wissen! :D

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  2. Ach ja, da war noch dieser Mythos mit G. ;)

    Nichts desto trotz ist der Verlust des G’s weniger gravierend, als man annehmen könnte. In obigem Text bin ich doch tatsächlich ganz ohne ausgekommen, mal abgesehen von der wörtlichen Rede. Es gibt eben auch für fehlende G’s Alternativen, nicht wahr?

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