Ich kann so nicht schreiben!

Das echte Leben kann einem ganz schön zusetzen. Vor allem wenn man Spaß daran hat und Autor ist (diesen Genderschmu lasse ich, wie immer, weg).  Ihr kennt sicher dieses Klischee vom einsamen, zurückgezogenen Roman-Autoren, der sozialphobisch und nicht gerade wortreich daherkommt (also wenn es um das gesprochene Wort geht). Nun, was soll ich sagen – ich glaube, das muss so!

Im Ernst! Ich verstand zu Beginn meiner »Schreibkarriere« nie, wieso andere Autoren sich so eifrig in Gruppen, regelmäßigen Seminaren oder geselligen Stammtischen versammelten. Für mich war das stets eine Horrorvorstellung. Ich meine, was interessiert mich der Wunsch von Barara (58), Büroangestellte, ihr Leben autobiographisch aufzubereiten, und was habe ich davon? Oder Hauke (28) BWL-Student, der unbedingt seine gesammelten »Weisheiten« in einem dicken Aphorismen-Band unter die Leute bringen muss, da er der Nabel des Universums ist und seiner Zeit weit voraus (glaubt er). Ich weiß nicht, wie viele verkannte Genies ich an einem Abend ertragen kann. Wie auch immer – ich schweife ab (und ja, es gibt dort auch hin und wieder interessante Menschen) aber nun zurück zu den Tücken des »echten« Lebens.

Es ist schon schlimm genug, dass das Autorendasein regelmäßig durch die Lästigkeit – genannt Arbeit – und das meine ich im Sinne von Job, Beruf, Geld verdienen – unterbrochen wird. Mit einem einigermaßen guten Zeitmanagement und etwas Disziplin bekommt man die eigentliche Arbeit – und damit meine ich das Schreiben – jedoch irgendwie hin.

Nun passierte es mir letztlich doch recht häufig, dass auch diese Arbeit  – also das Schreiben – durch Aktivitäten gestört wurde, welche man gemeinhin als Sozialleben bezeichnet. Essen gehen mit Freunden. Regelmäßig! Lange Spaziergänge mit Familienmitgliedern. Ausgedehnte Telefonate, Konzertbesuche – im Ausland! Nun ja, das ganze Programm.

Es wird ja gerne behauptet, ein Autor solle viel rausgehen, Erfahrungen sammeln und aktiv am Leben teilnehmen, damit er etwas zu erzählen habe, aber ich sage euch was – das ist gequirlte Hühnerkacke. Zumindest, wenn ich jemals ein Buch fertig bekommen möchte. Ein gutes Buch. Kein 08/15-Lokalkrimi-Gedöns. Ich meine, diese Art von Roman besteht doch grundsätzlich aus dem »immergleichen« Plot, mit den immergleichen Zutaten. Das ist so, als würde ich mein Leben lang nur drei Akkorde spielen. Klar, für Rock ’n’ Roll reicht das und es macht auch Spaß (eine Weile). Aber was, wenn ich lieber Jazz spielen mochte? Oder Klassik? Oder sogar etwas ganz Neues kreieren?  Unterbrecht mich, falls ich vom Thema abkomme …

Was ich sagen will, ist Folgendes. Das echte Leben ist (im besten Fall) toll. Es erfüllt einen, macht satt und zufrieden. Doch nichts davon kann ich für meine Fiktionen gebrauchen. Ich brauche die unerfüllten Wünsche, unerreichte Ziele, Wehmut, latente Unzufriedenheit und Sehnsüchte, die sich in Bergen vor mir auftürmen. Ich kann einfach nicht schreiben, wenn ich glücklich bin. Fürs Schreiben benötige ich ein gewisses Maß an Einsamkeit und Getriebenheit. Der Autor James N. Frey hat einmal gesagt: »Lesen, lesen, lesen, schreiben, schreiben schreiben, leiden, leiden, leiden.« Und, um ihn ein weiteres Mal zu zitieren:

»Schreiben ist eine Geisteskrankheit!«

Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Eine Krankheit, die ganz ohne Pillen geheilt werden kann. Mit einem erfüllten Sozialleben. Muss aber nicht …

Eure Joan

6 Kommentare

    1. Das rede ich mir auch immer ein, aber tatsächlich wäre eine einsame Hütte im Wald, ohne jede Ablenkung von „außen“, ein Segen. Zumindest für mich. Ich weiß, dass es viele Autoren gibt, die zahlreiche Bücher am Küchentisch zwischen spielenden Kindern oder in einem Straßencafe schreiben können. Ich gehöre nicht dazu. Das ist so, als würde ich nackt spazieren gehen müssen – Irritierend und unangenehm zugleich.

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  1. Okay, kann ich an der Stelle vielleicht fragen, warum du schreibst? Ich habe mal BWL studiert (unglücklich abgeschlossen) und jedes mal, wenn ich Bilanzierung, Finanzmathe oder irgendetwas in der Art lernen sollte, war alles interessanter als das. Selbst ein Ast, der sich im Wind bewegte, war spannender. Ich habe schnell gemerkt, dass ich im falschen Metier bin…
    Ich will dir nichts unterstellen, du schreibst allein im Blog wahnsinnig lebhaft…aber vielleicht hinterfragst du, für dich, deine Motivation nochmal :)
    Beste Grüße
    Benjamin

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    1. Ja, ich wünschte, es wäre so einfach. Jedoch ist diese Prokrastinationsfalle eine, in die schon viele Autoren / Schriftsteller getreten sind. Das hat eher etwas mit der Leidenschaft zu tun, mit dem unbedingten Willen gut zu schreiben, falschem Perfektionismus, dem fiesen inneren Kritiker. Zudem ist Schreiben etwas sehr Persönliches und absolut Ehrliches.Man macht sich praktisch nackig. Nicht jeder hat dabei gerne Gesellschaft. In diesem Artkiel – https://homeofjoan.com/2016/02/13/the-end/ – habe ich diese Tücken schon mal angedeutet. Das oben beschriebene Phänomen hat also etwas mit dem „unbedingt Wollen“, als mit dem „im falschen Metier sein“ zu tun. Ich könnte dazu noch mehr schreiben, aber das wäre an dieser Stelle zuviel. Aber vielen Dank für deine Gedanken. :)

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      1. Okay. Ich verstehe, es ist schwierig starke Gefühle und schonungslose Offenheit für sein Schreiben aus dem Nichts heraus zu kreieren. Wenn du hierzu ein Ritual/Technik/Lösung für dich findest, würde ich mich freuen, wenn du mich auf dem Laufenden hälst :)

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