Alles, außer( )gewöhnlich.


Es wird ja hin und wieder behauptet, dass jeder Mensch gleich sei. Schlimmer noch, Hardcore-Behaupter unterstellen sogar jedem Menschen Außergewöhnlichkeit.

Das ist natürlich Blödsinn, denn allein das Wort »außergewöhnlich« widerlegt diese These. Gewöhnlich, das bedeutet »im üblichen Sinne« bzw. »normal«. Normal bedeutet nichts anderes als Durchschnitt, welcher sich wiederum daraus errechnet, was am häufigsten vorkommt, sprich – was normal ist. Dafür gibt es sogar eine konkrete Zahl – 67%. So wie 67% aller Menschen denken, handeln und reagieren – das ist der Gradmesser für normal. Dazu kommt dann noch ein geringfügiger Anteil von „fast normal“, das ist der sogenannte Devianzbereich der geringen Abweichler und dann bleibt da noch der Rest. Der Rest – das sind die Nicht-Normalen, die Alles-außer-Gewöhnlichen. Im Guten, wie im Schlechten. Meist trifft beides zu.

Berichten will ich heute von einer bestimmten Gruppe von Menschen – von denen, die außergewöhnlich sind, sich dessen auch mehr oder weniger bewusst sind (weil man es Ihnen ja ständig sagt), denen es aber eigentlich schnurz piep egal ist. Ich behaupte sogar, dass diese Einstellung unter den wahrhaft Außergewöhnlichen sogar üblich ist – um nicht zu sagen – normal. Nicht selten ist ihre Unscheinbarkeit mit dem Wunsch verknüpft, so sein zu wollen, wie alle anderen. Oder zumindest nicht unangenehm aufzufallen (was wiederum normal ist). Sie wollen irgendwie und irgendwo hineinpassen. Sie wollen nicht außer, sondern gewöhnlich sein.

Der Durchschnittsbürger kann sich nicht vorstellen, wieso jemand mit außergewöhnlicher Intelligenz, überschäumender Kreativität, physiologischer Überlegenheit oder musikalischer Hochbegabung, diese »Begabung« nicht intensiv nutzt, um den Nobelpreis, den Pulitzer-Preis, die Olympiade, Weltruhm oder die Weltherrschaft zu erlangen. Aber genau da liegt der Hund begraben – das ist normales Denken. Nach solchen Dingen strebt der gewöhnliche Mensch, weil es sein größter Wunsch ist (ob nun bewusst oder unbewusst), außergewöhnlich zu sein. Sich irgendwie von der breiten Masse abzuheben. Doch der außergewöhnliche Mensch macht das schon sein Leben lang und es hat ihm, in dieser von Durchschnitt geprägten Gesellschaft, eher Nachteile als Vorteile beschert. Der Außergewöhnliche strebt in der Regel nach den existenziellen Dingen, wie Liebe, Sicherheit, Vertrauen, Verständnis und nicht zuletzt Loyalität – aber vor allem treibt ihn oder sie ein sehr tiefes Bedürfnis nach Wahrheit und Echtheit (Kongruenz).

Es spielt übrigens für den außergewöhnlichen Menschen auch keine Rolle, ob es in der Kindheit und Jugend Förderer oder Bremser seiner „Fähigkeiten“ gab. Sicher ist es etwas weniger unangenehm, wenn Lehrer und Eltern einen regelmäßig daraufhinweisen, dass es doch eine Verschwendung sei, seine überdurchschnittliche Intelligenz nicht dafür zu nutzen, das Abitur zu erlangen, um dann anschließend zu studieren, um dann anschließend einen angesehenen Beruf zu erlangen – als dass sie anmerken, dass mit dem Kinde etwas nicht stimme, es vielleicht sogar dumm und irgendwie komisch sei. Das Resultat bleibt dennoch das Gleiche.

Wo genau soll der außergewöhnliche Mensch denn die Motivation hernehmen, den Wünschen und Vorstellungen des Gewöhnlichen gerecht zu werden?

Das kann er oder sie doch gar nicht. Und vielleicht will er oder sie es auch gar nicht. Vielleicht ist er oder sie ja auch zufrieden damit, den Kunden der Bibliothek zu sagen, wo sie das gesuchte Buch finden oder damit, hinter dem Tresen einer Arztpraxis Rezepte und Termine für Patienten auszustellen. Vielleicht ist es Ihnen gar nicht recht, dass die Normalen ständig so hohe Erwartungen an sie stellen, nur weil diese selbst gern außergewöhnlich wären.

Ich wünsche mir, gerade in einer Zeit in der die Starken von den Schwachen (und nicht selten Dummen) regiert werden, dass wir beginnen genauer hinzusehen (und hinzuhören). Zum Beispiel wer an der Supermarktkasse sitzt, wer unsere Wohnung putzt, das Taxi fährt, wer uns die Fenster repariert oder im Baumarkt die Farben mischt.

Warum ich diesen Artikel schreibe? Weil es eine wahre Geschichte ist und weil wir sie brauchen werden – die Außergewöhnlichen. Wahrscheinlich früher, als uns allen lieb sein wird.

Eure Joan


„Vier Minuten“ – Finale Szene

3 Kommentare

  1. Über eine Stelle musste ich in diesem ernsthaften und sehr profunden Text lächeln.

    „[…], dass wir beginnen genauer […] hinzuhören). Zum Beispiel […], wer unsere Wohnung putzt, […]“.
    War das ein Aufruf zu mehr Selbstgesprächen? :-)

    Gefällt 1 Person

    1. […Über eine Stelle musste ich … lächeln…]
      Ich jetzt auch.
      Ich hatte vor, besagte Formulierung sofort zu verbessern, doch dann dachte ich mir, warum nicht auch anderen ein Lächeln schenken. ;)

      Gefällt 1 Person

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