Nerdiversum Part II

Noch nie hat mich ein Computerspiel so berührt, wie das inzwischen fünf Jahre alte Mass Effect III. Nicht einmal das Ausnahme-Game Life is Strange. Und das hat schon etwas zu heißen. Ich werde hier nicht ausführlich berichten, was dieses Game so außerordentlich macht, aber ich  kann zumindest einen Eindruck vermitteln.

Hinweis: Es gilt für alle Games, Serien oder Filme über die ich schreibe, ich bewerte nur die Originalversionen – nicht die deutschen (und oft miserablen) Synchro-Versionen.

Mass Effect war eine Zufallsentdeckung. Ich gehöre nicht zu den (klassischen) Mass Effect-Spielern – den Fans der ersten Stunde. Auch interessieren mich keine stundenlangen Gefechte – weder im Einzel- und schon gar nicht im Multiplayer-Modus. Ich habe früher ausschließlich Adventures (Myst, Syberia …) und Simulationen (Tropico, The Sims …) gespielt. Hin und wieder machte ich auch einen Ausflug zu den Horror-Games (Silent Hill, Resident Evil, Max Paine …) – gute atmosphärische Spiele eben. Ansonsten bin ich weniger für hektische Kämpfe und eher für entspanntes Taktieren, dem Lösen von Rätseln und ich verfolge gern die, oft sehr umfangreichen, Geschichten. Gerade deswegen hatte ich irgendwann die RPGs (Role Play Games) für mich entdeckt. Meine Lieblinge in diesem Genre sind seit langem Dragon Age und The Witcher.

Doch nachdem ich im letzten Jahr das neueste Dragon Age (Inquisition) und The Witcher III durchgespielt hatte (falls man das jemals kann), war ich der Meinung, dass es jetzt nichts mehr gibt. Nichts mehr, was diese Spiele noch überbieten kann. Außer vielleicht deren Nachfolger. Doch dann begann Origin das neue Mass Effect Andromeda zu promoten und ich erhielt eine Gratis-Version vom schon etwas älteren Mass Effect II.

Also begann ich es zu spielen.

Und konnte nicht mehr aufhören. Commander Shepard hatte es mir derart angetan, dass ich begann, seine Freunde zu meinen zu machen. Dass ich seine Entscheidungen so gut abwog, als hinge tatsächlich das Schicksal der gesamten Menschheit davon ab. Einige der Figuren des Spiels sind so liebevoll erdacht und von derart berührender Echtheit, dass sich einige Romanautoren, daran ein Beispiel nehmen sollten. Alle meine Entscheidungen als Commander wirkten sich auf das Schicksal seiner Freunde, seiner Gefährten und Alliierten aus. Und das tat hin und wieder ziemlich weh.

Natürlich musste ich, nachdem ich Mass Effect II beendet hatte, auch Mass Effect III spielen. (Origin’s Werbestrategie geht also auf). Denn alles, was ich in dem Vorgänger bewirkt hatte, war von Bedeutung für den dritten und letzen Teil der Trilogie. Und ich denke nicht, dass ich übertreibe, wenn ich behaupte, dass Mass Effect III das beste Computergame ist, das ich jemals gespielt habe.

Abgesehen von alten Bekannten, findet man auch in Mass Effect III wieder neue Freunde, eine neue oder alte Liebe, treue Kameraden und loyale Verbündete. Und all die braucht man auch. Denn es hängt nicht nur das Schicksal der Erde am seidenen Faden, sondern auch das, der gesamten Milchstraße und all ihrer Spezies. Untermalt von einem grandiosen Soundtrack (u.A. vom Meister seines Fachs Clint Mansell) kämpft sich mein Commander also mit allerletzter Kraft zu seiner letzten, größten und schwersten Entscheidung …

Ich habe ungelogen zehn Minuten lang dagesessen und alle Möglichkeiten und deren Auswirkung auf die Galaxie, die Menschheit, auf meine (seine) Freunde und auf meinen Commander im Kopf durchgespielt. Und dann habe ich eine Entscheidung getroffen. Und mir deren Auswirkung angesehen.  In einer epischen Schlusssequenz. Ich denke, es war die richtige Wahl. Auch wenn ich den ganzen Abspann lang geheult habe. Was für ein Trip!

Ich werde an dieser Stelle nicht verraten, wie ich mich entschieden habe (für diejenigen, die dieses Spiel noch nicht gespielt haben). Schade nur, dass das neue Mass Effect Andromeda nicht auf der Commander Shepard Trilogie aufbaut. Und auch sonst finde ich den großangekündigten Nachfolger eher mäßig, verglichen mit der Shepard-Trilogie. Mir geht es da wohl wie anderen ME-Fans. Ich werde ihn vermissen, meinen Commander. Was für ein Held!

So, und jetzt denkt ihr wahrscheinlich, ihr wisst, warum ich noch kein Buch fertig geschrieben habe. Falsch! Es sind nicht die Zeiten, die ich mit dem Spielen von PC-Games, oder dem Marathon-Sehen von Serien verbringe. Auch nicht die Arbeit oder der wöchentliche Hausputz, die mich vom Schreiben abhalten. Nichts davon. Ich schreibe drei bis sechszehn Seiten pro Tag wenn es sein muss. Einen groben Roman-Entwurf in drei Monaten zu schreiben ist also nicht das Problem – wenn da nicht der Anspruch wäre – dieser nagende Anspruch etwas zu vollbringen, was tatsächlich lebt und nicht nur existiert. Etwas, dass die Macher von Mass Effect III, von  Life is Strange oder der Serie „The OA“ (oder Gustave Flaubert) vollbracht haben. Es muss etwas „Echtes“ sein. Nicht weniger als das. Wenn ich eine Welt erschaffe, dann nicht nur für mich. Auch nicht, um die Ewigkeit zu überdauern, aber um wenigstens für einen kurzen Moment wahrhaftig zu sein – echt.

… und wo wir gerade von Helden reden,
einen inspirierenden Karfreitag wünscht euch
Eure Joan


So, und wenn ihr jetzt nicht wisst, was ihr während der freien Tage machen sollt, dann kann ich euch auch nicht mehr helfen.

6 Kommentare

  1. „Denn es hängt nicht nur das Schicksal der Erde am seidenen Faden, sondern auch das, der gesamten Milchstraße und all ihrer Spezies.“

    Unter dem fängt man ja für gewöhnlich auch gar nicht erst an zu arbeiten. Mindestens! ;-)

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  2. Ich bin gerade per Zufall über den Text gestolpert und er hat mir sehr gut gefallen. Mass Effect hat es auch verdient, dass man sich ein wenig tiefergehend damit beschäftigt. Ich bin in meinem Soundtrack Text ein wenig auf meine Beziehung zu der Reihe eingegangen, aber auch für mich war sie eine ziemliche Achterbahnfahrt.

    Mit dem Ende von Teil 3 haben sie mich aber kalt erwischt. Dabei ging es mir nicht um das fehlende „Happy End“, sondern um die Abruptheid, mit dieses emotionale Spiel auf einmal vorbei war. Der „Extended Cut“ hat mich aber versöhnlich gestimmt und ich konnte das Kapitel „Mass Effect Trilogie“ auch endlich im Kopf schließen.

    Ich habe übrigens „Destroy“ gewählt, weil ich der Möglichkeit links nicht traute und die in der Mitte für mich irgendwie einen Bruch im etablierten Universum darstellte und sich für mich ein wenig nach „Space Magic“ anfühlte.

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    1. Per Zufall über meinen Text gestolpert? Ja, man sollte diese Dinger aber auch nicht überall herumliegen lassen.

      Was Mass Effect betrifft – habe ich schon gehört, dass sich damals Einige über das Ende beklagten. Aber da ich das Spiel ja erst fünf Jahre nach Erscheinen (und gleich in der Special-Version) gespielt habe, konnte ich diese Enttäuschung nicht teilen. Ich war vielleicht auch ein bisschen verliebt in den Commander – kann ich ja nichts dafür, sind wohl die Hormone.
      Wie auch immer, ich freue mich, dass du über meinen Artikel gefallen bist und werde dir daher verraten, dass ich nicht das Destroy-Ende gewählt habe. Ich konnte es Joker einfach nicht antun, EDI zu töten. Außerdem war ich skeptisch, wie sich das auf Menschen mit Biotic auswirken würde. (Konnte ja keiner wissen, dass diese ganze Sache gelogen war – laut der Indoktrinationstheorie, versuchten die Reaper ja lediglich ihre Auslöschung zu verhindern und „Destroy“ war demnach die einzig richtige Option.)
      Den Mittelweg konnte ich auch nicht gehen, mir ging es da ähnlich, wie dir. Also wählte ich den linken Pfad. Shepard opfert sich, er wird praktisch zu den Reapern – seine Seele, sein Geist – was auch immer – als der ultimativer Beschützter von Menschheit und Galaxy? Das fand ich recht passend. Obwohl die Gefahr der (negativen) Indoktrination natürlich groß war (ist). Es war ein gutes und friedliches Ende, keine Zerstörung, die Reaper halfen beim Wiederaufbau und wurden zu so etwas, wie einer Schutzmacht dank dem positiv integrierten Shepard. Obwohl immer eine wenig Bauchweh blieb, da er nun physisch nicht mehr existent war, und ich die Befürchtung habe, dass auch eine gute und heldenhafte Seele, wie die von Shepard irgendwann, der logischen Kühle und dem Pragmatismus einer Maschine unterlegen sein könnte. Aber das werde ich wohl nie erfahren. Ich werde sicher noch eine Fanfiktion über die möglichen Auswirkungen meiner Entscheidung schreiben – aber eins nach dem anderen. ;)

      Also , nochmals vielen Dank für deinen Kommentar!
      Man liest sich.

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  3. Ja, wirklich. Das nächste Mal bitte deine Texte aus dem Weg räumen. ;)

    Das alte Ende war im Prinzip das gleiche, nur eben in unter fünf Minuten abgehandelt. Und das fand ich für meinen Teil am schlimmsten, da es sich so lieblos hingeklatscht anfühlte, nachdem ich so viel Zeit und Liebe in diese Reihe investiert habe. Aber wie gesagt: Der „Extended Cut“ hat da für mich fast alles wieder gerade gerückt.

    An sich finde ich das „Control“ Ending auch sehr passend und ich war dann schon auf dem Weg dahin. Bis mir dann der Gedanke kam, dass dieses, ich nenne es mal, „Space-Child“ eventuell auch mal ein Mensch war und diese Wahl getroffen hat, womöglich aus ähnlich noblen Gründen wie Shepard. Vielleicht wird auch er irgendwann vom kühlen, logischen Verstand eines KI übermannt und kommt zum Schluss, mit dem ewigen Kreislauf fortzufahren. Deswegen habe ich die wirklich schwere Entscheidung mit dem „Destroy“ Ende getroffen, einfach um diesen ewig wiederkehrenden Krieg endlich zu beenden. Auch wenn es mit EDI, den Geth und Shepard selbst leider viele Opfer erforderte. Das Shepard überlebt und sein „love interest“ (bei mir Tali) dies am Ende auch recht deutlich macht, war dann natürlich ein schöner Bonus, mit dem ich nicht gerechnet habe.

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