Die Lux (shortstory)

Es gibt zwei Arten von Menschen. Die, die unter mir stehen und die, die unter mir liegen. Im Jahr 1948 erblickte ich das Licht der Welt. Und ich frage mich seitdem, ob das Licht der Welt heller scheint als ich. Allerdings halte ich das für äußerst unwahrscheinlich. Wie auch immer. Reden wir über Menschen.

Ich bin Spezialistin, was deren Innenleben betrifft. Manchmal bin ich geradezu fasziniert, wie komplex sie zu sein scheinen. Dann fällt mir wieder auf, dass sie im Grunde alle gleich sind. Nur winzige Nuancen, Abweichungen von der Norm – so etwas, ist schnell zu beheben. Dann gibt es da die etwas größeren Abweichler. Nicht selten liegen diese Exemplare häufiger auf meiner Liege. Und hin und wieder bin ich auch etwas angewidert von deren Offenheit. Das lasse ich mir natürlich nicht anmerken. Ich verrichte still meine Arbeit und sehe zu, dass auch diese Menschen, schnell wieder so funktionieren, wie vorgesehen. Das klappt nicht immer. Manchen Menschen ist einfach nicht mehr zu helfen.

Was mir aber auch ziemlich egal ist. Ich mache hier nur meinen Job.

In letzter Zeit häufen sich allerdings die besorgten Blicke in meine Richtung, wenn ich während der Arbeit leise zu summen beginne. Na gut, das Summen ist hin und wieder etwas lauter, doch das ist noch lange kein Grund, sich gestört zu fühlen. Inzwischen wurde sogar darüber gesprochen, mich zu ersetzen. Natürlich wurde im gleichen Atemzug festgestellt, dass es schwer sein würde, einen angemessenen Ersatz für mich zu finden. Meine Zuverlässigkeit, meine Ausdauer und Qualität – so etwas sei heutzutage kaum noch zu finden. Die Neuen seien doch meist schon nach zwei Jahren ausgepowert. Ganz recht. So eine wie mich kann man nicht ersetzen. Und das taten sie auch nicht.

Zumindest für eine Weile.

Ich weiß nicht, was genau passiert ist, aber irgendwie hatte mich die Müdigkeit eines Tages überwältigt. Meine Augen sind einfach zugefallen und ich war nicht mehr in der Lage, sie wieder zu öffnen. Ich begann laut zu summen, um mich irgendwie zu beruhigen. Dann geriet ich in Panik und was danach passiert ist, kann ich nicht mehr sagen. Ich erinnere mich jedoch an eine Hand, die sanft über meinen Kopf strich und an eine Stimme die sagte: »Tut mir leid, Doc, aber die ist endgültig durchgeknallt. Ich könnte versuchen, sie wieder in Ordnung zu bringen, aber die ist ja auch schon ziemlich alt. Ich weiß nicht, ob sich das noch lohnt. Schade. Wirklich jammerschade.«

»Ja, das ist es. Sie ist eine echte Schönheit. Solche OP-Lampen werden heutzutage gar nicht mehr hergestellt.«


© Joan Quade 2017

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