(Nerd)Wort zum Sonntag

Filme, Serien, fantastische Prosa, PC-Games – alles nur Ausflüchte, um der Realität zu entrinnen? Zeitverschwendung? Ich finde es schon auffallend, dass besonders die (überdurchschnittlich) intelligenten und kreativen Menschen, sich dieser Form der Unterhaltung widmen oder sie schaffen?

Der Eskapismus-Vorwurf ist inzwischen so alt und unkreativ, wie diejenigen, die ihn ständig vor sich hertragen, wie ihren gelangweilten Gesichtsausdruck. Nur Langweiler kennen Langeweile, und nicht jede Stunde des Tages muss ausgefüllt sein mit vermeintlich sinnigem, bedeutungsschwangeren Gelaber oder Tätigkeiten, die jenes vortäuschen. Schon Tolkien war der Meinung:

„Wieso sollte jemand verachtet werden, der sich im Gefängnis befindet und versucht, herauszukommen und heimzugehen? Oder, sofern das nicht geht: wenn er über andere Themen nachdenkt und spricht als über Wärter und Kerkermauern?“

Ist denn nicht klar, wie wichtig dieser angebliche Eskapismus für die Menschheit eigentlich ist? Wir lernen aus Geschichten dieser Welt etwas über diese Welt, über das Zusammenspiel von Handlung und Konsequenz und vor allem – sehr viel über unser Individuum. Während in langatmigen Literatursendungen etwas über die Schönheit von Sprache und seiner tieferen Bedeutung im Kontext mit aktuell, weltpolitischem Geschehen und der Tragik des Protagonisten verknüpft mit dem Schicksal des Autors, ge(small)talkt wird – alles untermauert mit dem dumpfdösigen Nachplappern von Dingen die irgendein Schlauer (übrigens auch Nerd), irgendwann einmal gesagt hat. Nicht jeder benötigt den erhobenen (und leider oft auch sehr langweiligen) Zeigefinger, um den eigenen aus dem Arsch zu kriegen.

Der gemeine Nerd sieht sich hingegen einer viel fantastischeren und unendlichen Welt aus Fragen gegenüber – einer Welt, die er gewillt ist zu ergründen, zu verstehen und (für sich) zu beantworten. Dazu ist jedoch eine gewisse Grundintelligenz, Offenheit, Begeisterungsfähigkeit, Flexibilität und die Fähigkeit eigenständigen Denkens nötig. Arroganz und Vorverurteilung sind da kontraproduktiv. Kinder lernen nur deswegen so schnell, weil sie noch spielen und entdecken dürfen und dieses, zunächst auch völlig wertfrei tun. Unsere Hirnstruktur ist darauf ausgelegt, ständig Neues zu entdecken und diese Informationen zu einem großen Ganzen zu verknüpfen. Zu Beginn müssen wir also davon ausgehen, dass alles möglich ist. Neugier und Begeisterungsfähigkeit die vorurteilsfreie Entdeckung des Unbekannten – das ist Intelligenz. Egal wie viele Informationen man in einen Computer stopft, er wird nie in der Lage sein, derartige Verknüpfungen zu schaffen, wie der menschliche Geist.

Daher sind Computerspiele, deren Ausgang auf den Entscheidungen, der Ethik und den Strategien des Spielers beruht (Mass Effect, Until Dawn, Life is Strange… RPG`s im Allgemeinen), keine Zeitverschwendung. Sie helfen beim Selbstverständnis. Kinofilme und Serien, die in Blogs oder You Tube-Vlogs bis ins kleinste Detail auseinander genommen und analysiert werden – nicht wie ein Buch im Deutschunterricht, sondern durch eigene Gedanken, Vermutungen und Erfahrungen und nicht nur durch die des Deutschlehrers oder des Verfassers der Lehrpläne. Romane, die uns in Welten entführen, welche ohne unser Dazutun – unsere Kreativität, unsere Imagination und Inspiration – überhaupt nicht entstehen könnten – was im »schlimmsten Fall« darin gipfelt, dass wir selbst beginnen Geschichten zu schreiben, versuchsweise auch in Form von Fanfiktion. Oder diese »albernen« Cosplayer, die Monate damit verbringen ihre Kostüme zu schneidern und Accessoires ihre Lieblingscharaktere zu basteln. Oh mein Gott, wie furchtbar! Was soll aus diesen „Kindern“ nur werden? Sie denken!

Es ist leicht, Dinge, die man nicht versteht, als Zeitverschwendung abzutun. Ich frage mich hingegen, was so viel sinnvoller daran ist, in seiner freien Zeit zum dritten Mal Kant oder Camus zu lesen (habe ich auch schon getan, hat die Welt nicht maßgeblich verbessert) – oder mit anderen darüber zu reden, wie dumm die Menschheit doch ist und warum wir deswegen alle sterben werden? (Hat bisher auch nichts davon entschleunigt, im Gegenteil)

Lesen, Schreiben, Basteln, Spielen, Analysieren … Schaffen und Denken außerhalb des vermeintlich Nützlichen sind niemals Zeitverschwendung. Lasst Euch von niemandem etwas anderes erzählen. Was? Damit löst man die Probleme der Welt aber nicht? Oh, doch. Nur damit!


Fazit: Andere Welten auszuprobieren – egal in welcher Art und Weise – ist keine Zeitverschwendung, es ist Weiterentwicklung und hält uns zudem davon ab, mit einer Machete in den Supermarkt zu rennen und Menschen zu töten, weil die einzige Freizeitbeschäftigung bisher darin bestand, das zu glauben, was andere uns Glauben machen wollen.

So, und ich schreibe jetzt weiter an einem Roman,
den es ohne all diese Zeitverschwendungen nicht geben würde. 

Eure Joan

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