Helden oder so …

Was verstehen wir eigentlich unter einem Held?

Wikipedia meint dazu:
Ein Held (althochdeutsch helido) ist eine Person, die eine Heldentat, also eine besondere, außeralltägliche Leistung vollbringt. Dabei kann es sich um reale oder fiktive Personen handeln, um Gestalten der Geschichte, aber auch aus Legenden oder Sagen. Seine heroischen Fähigkeiten können von körperlicher Art (Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer usw.) oder auch geistiger Natur sein (Mut, Aufopferungsbereitschaft, Kampf für Ideale, Tugendhaftigkeit oder Einsatzbereitschaft für Mitmenschen). Das Zedler-Lexikon aus der Mitte des 18. Jahrhunderts definierte: „Held, lat. Heros, ist einer, der von Natur mit einer ansehnlichen Gestalt und ausnehmender Leibesstärcke begabet, durch tapfere Thaten Ruhm erlanget, und sich über den gemeinen Stand derer Menschen erhoben.“

Ok, das erklärt, warum heute jede noch so winzige Abweichung von der Norm sogleich mit einem Superlativ gekrönt wird. Gehört dazu tatsächlich der Fremde, der einer Frau und deren Tochter aus dem qualmenden Autowrack hilft? Und muss man ihn anschließend in allen Medien als den Helden von *beliebigen Ort hier einfügen* feiern? Sollte so eine Tat nicht geradezu selbstverständlich sein? Ich meine, was wäre denn die Alternative gewesen? Er steht daneben und schaut zu, wie sie verbrennen? Er rennt weg? Er macht Fotos und postet sie auf Instagram? Und wenn er sich für eine der Alternativen entschieden hätte, würde er dann der Norm entsprechen? Oh, lieber Gott, ich hoffe nicht.

Also, was macht einen Helden denn nun aus? Superkräfte, wie sie z.B. die Marvel-Helden haben? Macht sie das tatsächlich zu Helden oder sind es nicht auch nur Menschen (oder Wesen) mit besonderen Fähigkeiten? Im aktuellen Kinofilm »Wonder Woman« (DC) ist nicht Wonder Woman die Heldin der Geschichte, sondern der einfache, amerikanische Pilot Steve Travor, der mit seinem Opfer den Tag (wenn nicht sogar die Welt) rettet. Er tritt damit in die Fußstapfen von Steve Rogers »Captain America«, der, als er noch keine Superkräfte besaß – schmächtig und ungeeignet für den Militärdienst – eine der Eigenschaften lebte, die ich als heldenhaft bezeichnen würde: er war bereit – ohne zu zögern – sein Leben zu opfern, um das der anderen (ihm völlig fremden) zu schützen. Er dachte gar nicht darüber nach, es war ein Reflex, entgegen seines natürlichen Überlebens-Instinktes hinweg zu handeln, um anderen das Weiterleben zu ermöglichen. Ohne Wertung, ohne zu Hinterfragen, ob sie es tatsächlich mehr verdient hatten zu leben als er.

Während wir also heute den Piloten heroisieren, der auf dem Hudson River notlandete und im gleichen Atemzug Soldaten im Kriegsdienst als Mörder oder Waffennarren verteufeln, machen wir uns zweierlei Moral schuldig. Aber das ist ein gesellschaftliches, ein soziologisches Thema, das andere Leute schon ausführlicher behandelt haben. Nur soviel dazu:

»Im Militär verleiht man Medaillen an Leute, die bereit sind, sich zum Wohle anderer zu opfern. In der Wirtschaft belohnen wir Menschen, die bereit sind andere zu opfern, zum eigenen Wohle.«

Diese Einstellung prägt unsere Gesellschaft inzwischen in allen Bereichen, sodass wir uns den Bösewichten oder den sogenannten Antihelden inzwischen verbundener fühlen, als Figuren wie Steve Rogers (Captain America), der allzu oft als unrealistisches Propaganda-Püppchen missverstanden wird. Stattdessen feiern wir einen narzisstisch-veranlagten Milliardär Tony Stark (Iron Man) oder fühlen uns zu einem fast soziophatischen Loki hingezogen, während wir mit selbstgemalten Plakaten am Flughafen stehen und die Abschiebung afghanischer Flüchtlinge verurteilen. Der erhobene Zeigefinger steht uns gut, nicht wahr? Wir ahnen, dass wir uns so weit von Selbstlosigkeit und sozialem Gewissen entfernt haben, dass wir mit solchen Ersatzhandlungen unseren inneren – und viel zu lange vernachlässigten – Helden befriedigen müssen. Dieses sogenannte Gutmenschentum führt zu einem Absurdum. Der Gutmensch ist eben auch nur ein Mensch, der gerne ein guter Mensch wäre, aber leider meilenweit am Ziel vorbeischießt.

Fühlen sich Frauen wirklich zu den Bösen Jungs hingezogen …

Ich gebe zu, auch ich fühle mich hin und wieder von der dunklen Seite der Macht verführt. Was ist es, was uns an Figuren wie Luzifer, Iron Man oder Loki reizt? Ist es deren Witz und Wortgewandtheit, deren unerschütterliches Selbstvertrauen, ihre Stärke und das damit verbundene Gefühl von Sicherheit? Oder ist es vielmehr das, was hinter deren zynischer Fassade steckt? Das, was geheilt werden muss. Die Narben, die sie mit sich tragen und die nur entstanden sind, weil ihnen irgendwann einmal das Heldenhafte, Soziale und Gute zum Verhängnis geworden ist? Damit können wir uns, besonders als Frauen, gut identifizieren. Wir haben daher eine Schwäche fürs Reparieren gebrochener Helden. Und wenn das nicht gelingt, sind wir leider viel zu sozial und werden wohl selbst auf die dunkle Seite der Macht gezogen.

Wie auch immer, ich bin geheilt von derlei Verwirrung und Irrung, da ich es lernte, Steve Rogers zu lieben. Was ist mit Euch?

 

1 Kommentar

  1. Hey!

    Was für ein wundervoller Beitrag. Ich habe auch schon sehr oft über diese Themen nachgedacht…
    Das Beispiel an dem mir das das erste Mal aufgefallen ist, ist Severus Snape aus Harry Potter. Er wird von so vielen Menschen verehrt, dabei ignorieren sie allerdings große Teile seines Charakters. Wenn man sich das aber das allererste Mal selber bewusst wird, kann man da besser drüber nachdenken. So wie du sagst, man lernt, die echten Helden zu erkennen und man lernt sie lieben.

    Liebe Grüße,
    Jessy

    Gefällt 1 Person

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