Die Auto(r)nomie des Schreibens

Es gibt so viele Dinge, die zu sagen wären. Bedeutsames, was geteilt werden müsste, sogar könnte, gewollt werden sollte. Doch schreiben, möchte ich oft nur das Einfache, das Leichte – das, was frei ist von derartig sinnschwangerem Aufgeblähe. Als Mensch, kann ich mich mehrmals am Tag, entweder für das Eine oder für das Andere entscheiden. Doch als Autor?

Es gibt wohl zwei Arten zu Schreiben.

Die eine, hält sich an gängige Modelle – Plot & Plan, Spannungsbogen, Figuren- und Weltenbau usw. – Regeln des Geschichtenerzählens seit Anbeginn der Zeit. Dieses kann man erlernen und sollte es auch. Bücher wie Harry Potter & Co. beweisen, wie erfolgreich man damit sein kann. Wenn du Klavier spielen willst, kommst du eine Weile ganz gut damit zurecht, andere zu imitieren. Doch sobald du beginnst, selbst zu komponieren, ist eine gute Basis in Musiktheorie unersetzlich.
Reden wir über die zweite Art zu Schreiben. Sie ist intuitiver und findet sich in Werken wie Albert Camus »Der Fremde«, Jean Rhys »Die weite Sargassosee« oder Amelie Nothombs »Die Metaphysik der Röhren« wieder. Es geht um mehr (und auch um viel weniger!). Mehr Tiefe, mehr zwischen den Zeilen und ein ganzes Repertoire an Emotionen, dass einen zwar nicht anspringt und direkt ins Gesicht brüllt, aber dennoch etwas hinterlässt, dass (schon fast) unangenehm echt ist. Auffallend bei dieser Art des Erzählens ist, wie respektlos über die klassischen und immer wieder gern unterrichteten Erzählmodelle hinwegerzählt wird. Es ist, als leiten sich die Geschichten ganz von allein. Sie benötigen keinen Führer. Was dazu führt, dass diese Romane natürlich weniger populär sind, weil sie eben nicht dem Durchschnitt der Leserschaft genehm geschrieben sind. Und ja, sie sind schwerer zu lesen, sie erfordern mehr Geduld, mehr Konzentration, doch sie sind in der Regel auch keine sechshundert Seiten lang.

Was für ein Autor man ist, entscheidet vor allem, was man gerne liest, welche Art von Literatur man bevorzugt. Oder doch nicht?

Du bist ein Fan von »Chroniken der Unterwelt«, »Harry Potter«, »Tribute von Panem« oder der Twilight-Saga? Du liebst Kriminalromane, Liebesromane oder Thriller? Und du möchtest Bücher dieser Art schreiben? Dann beschäftige dich wirklich ausgesprochen gut mit den Prinzipien des Geschichtenbaus. Lerne dein Handwerk, sei fleißig, kritikfähig, gib niemals auf und du wirst es schaffen!
Bist du jedoch hingerissen von Canetti, Camus, Dahl, Rhys oder Nothomb, dann sei dir gesagt, dass es hier vor allem um das Beherrschen und die Wirkung von Sprache geht. Weniger erlernt – als intuitiv. Diese Art zu Schreiben ist nicht immer offener, aber sie ist ehrlicher und zuweilen schmerzhafter für beide Seiten – den Autor und den Leser. Hin und wieder auch äußerst amüsant, wenn man gewillt und in der Lage ist, über sich selbst zu lachen.

Ich bin nicht begeistert von der etwas überheblichen Unterscheidung in ernsthafte und unterhaltende Literatur. Ich weiß nicht einmal, welche Bücher wo genau einzuordnen sind. Meiner Meinung nach sollte in einem guten Roman, weder das eine noch das andere vernachlässigt werden. Aber manchmal geht beides auch nicht glaubhaft und harmonisch zusammen. Ich habe es probiert …

Und genau das ist mein Dilemma. Ich kann nicht nur das eine oder das andere sein. Als Stephenie Meyer ihren ersten Twilight-Roman veröffentlichte, war ich hingerissen von der Idee, dass sich ein lebensmüder Teenager ausgerechnet in die Unsterblichkeit verliebt. Andererseits hat mich dieses von Liebesroman-Klischees durchtränkte Werk auch nicht gerade zu tieferen Denkbewegungen veranlasst. Dennoch, ich mag diese Art von Geschichten. Sie lesen sich leicht, unterhalten mich und entführen mich in eine Fantasiewelt, in der (fast) alles möglich ist und trotzdem alles gut wird. Das ist wichtig!
Aber ich bin eben nicht nur diese Person. Denn genauso faszinieren mich die Abgründe der (mitunter tief verletzten) menschlichen Seele, wie sie z.B. Albert Camus in »Der Fremde« beschreibt. Ich sehe Filme wie »Donnie Darko«, »Winters Bone« oder »Mulholland Drive« genauso gern, wie »Twilight«, »Chroniken der Unterwelt« und (fast) alle Superhelden-Filme und Serien.

Ich lese alles und ich gucke alles. Für mich gibt es keine schlechten Geschichten, es gibt keine zu leichten oder zu komplizierten Geschichten. Es gibt nur eine Sache, die ich einem Erzähler nicht verzeihen kann und das ist Unaufrichtigkeit. Ich merke schnell, wenn jemand nicht der Story zuliebe schreibt oder erzählt, sondern lediglich seinem Ego oder seinem Geldbeutel zuliebe.

Was für ein Autor bin ich denn nun? Geht es mir um Geld, um Anerkennung, um Unsterblichkeit, die Zurschaustellung von gutem Handwerk, um meine Sehnsüchte, um unbefriedigtes Verlangen, um alles davon oder tatsächlich nur um eine einfache Geschichte? Ich bin mir nicht sicher (außer, dass mir Geld und Ruhm nicht gleichgültiger sein könnten).

Eines weiß ich jedoch: Ich sorge mich, vierundzwanzig Stunden am Tag, um die Wesen, die ich erschaffe. Ich habe stets die Hoffnung, dass aus diesen Wesen, einmal Lebewesen werden. Wie und auf welche Art und Weise ich das vollbringe, habe ich noch nicht herausgefunden, doch wenn es einen Gottkomplex gibt, dann sollten Autoren diesen auf jeden Fall behalten dürfen.

In diesem Sinne
Eure Joan

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